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Vor dem Fall des Eisernen Vorhangs
            Übernachtung. Am nächsten Morgen gegen 7:30 Uhr hörte die Familie ei-
            nen Schuss – Leontowytsch lag schwer verletzt mit einer Brustwunde im
            Bett. Erst in den 1990er Jahren wurde durch die Öffnung sowjetischer Ar-
            chive offiziell bekannt, dass er gezielt durch sowjetische Agenten ermordet
            worden war. In der sowjetischen Zeit war das Thema tabu, der Mord wur-
            de lange verschleiert: Ein viel später veröffentlichter Bericht aus jener Zeit
            nennt erstmals den Namen des Täters.  3
                 Diese perfide Tat wurde nicht nur zur ersten ernsthaften Warnung vor
            dem roten Terror für die vielen freidenkenden Künstler, sondern auch zum
            Anlass für die Gründung des ersten offiziellen Komponistenverbandes. Die
            Ermordung von Mykola Leontowytsch erschütterte die ganze ukrainische
            Gesellschaft. Am 1. Februar 1921 versammelte sich in Kyjiw eine große Ge-
            meinschaft von Kulturschaffenden, Professoren und Studenten des Kyjiwer
            Musik- und Dramatischen Instituts namens M. Lysenko, um, wie es der or-
            thodoxe Brauch auferlegt, am neunten Tag nach dem Tod des verstorbenen
            Künstlers zu gedenken. Ein Komitee zum Gedenken an M. Leontowytsch
            wurde gegründet. Ein Jahr später wurde das Komitee in die Allukrainische
            Mykola-Leontowytsch-Musikgesellschaft umbenannt.
                 An dieser Stelle ist eine wichtige historische Bemerkung angebracht.
            Trotz vereinzelter Morde an führenden Persönlichkeiten der Kultur und
            Kunst wie an M. Leontowytsch oder dem impressionistischen Maler Ole-
                               4
            xander Muraschko , die von der neuen Regierung gnadenlos durch Kopf-
            schuss beseitigt wurden, war die allgemeine Stimmung von großer Begeis-
            terung und Hoffnung auf nationale Autonomie und Wiedergeburt geprägt.
            Die Bolschewiki, die bei den nationalen Minderheiten Unterstützung für


            3    Valentyna Kuzyk, „Як загинув Микола Леонтович [Wie starb Mykola Leonto-
                 wytsch]“, Literaturna Ukrajina, 23. Mai 1996; Valentyna Kuzyk, „Ставимо крапку
                 над «і» (про загибель М.Леонтовича) [Über den gewaltsamen Tod von Mykola
                 Leontowytsch]“, Muzyka, Nr. 3 (Mai 1996): 21–3.
            4    Oleksandr  Muraschko  (1875–1919)  war ein  bedeutender  ukrainischer  Maler  und
                 Kunstpädagoge. Nach einer Kindheit in einfachen Verhältnissen und einer künst-
                 lerischen Ausbildung in Sankt Petersburg sowie Aufenthalten in Paris und Mün-
                 chen entwickelte er seinen individuellen Stil unter dem Einfluss des Impressionis-
                 mus und der Sezession. Internationale Anerkennung erlangte er durch das Gemälde
                 „Karussell“ (1906), das mit einer Goldmedaille in München ausgezeichnet wurde. O.
                 Muraschko war Mitbegründer der Ukrainischen Staatlichen Akademie der Küns-
                 te (1917) und engagierte sich für die kulturelle Entwicklung der kurzlebigen Ukra-
                 inischen Volksrepublik. Am 14. Juni 1919 wurde Muraschko während eines Spa-
                 ziergangs mit seiner Frau in Kyjiw von Unbekannten überfallen. Ein Schuss in den
                 Hinterkopf beendete sein Leben. Einige Kunsthistoriker ordnen Muraschko als ers-
                 tes Opfer des kommunistischen Regimes gegen ukrainische Künstler ein.


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