Page 75 - Weiss, Jernej, ur./ed. 2026 Skladateljska društva nekoč in danes.../Composers’ Societies Past and Present...
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Vor dem Fall des Eisernen Vorhangs
„Tochterorganisation“ waren eine ausgeprägte Aggressivität gegenüber
künstlerischen Richtungen, die als „bürgerlich“ oder „formalistisch“ gal-
ten, eine deutliche Geringschätzung nationaler Besonderheiten sowie ein ver-
einfachter und reduktionistischer Zugang zur Frage des kulturellen Erbes.
Statt differenzierter historischer Reflexion dominierte eine Haltung, die das
künstlerische Schaffen fast ausschließlich durch die Linse der Klassenideolo-
gie bewertete.
Die Gründung der APMU war jedoch nicht allein ein organisatori-
scher Akt innerhalb der ukrainischen Musikszene, sondern in erster Linie
ein Instrument der Moskauer Zentrale zur Durchsetzung ihrer kulturpo-
litischen Vorgaben in den Peripherien der Sowjetunion. Damit wurde die
ukrainische Musikentwicklung in ein streng zentralisiertes ideologisches
Schema eingebunden, in dem Eigenständigkeit und Vielfalt kaum Platz
fanden. Für viele ukrainische Künstler und Musikwissenschaftler stellte
die APMU daher keinen Fortschritt, sondern vielmehr ein Instrument der
Kontrolle und Unterordnung dar.
In den ukrainischen Musikerkreisen wurde das Auftreten der APMU
entsprechend als Faktor der Destabilisierung wahrgenommen. Anstelle ei-
ner Förderung genuiner künstlerischer Entwicklungen führte die Organi-
sation zu Spannungen und Konflikten innerhalb der Gemeinschaft der pro-
fessionellen Musiker. Die Orientierung an den Moskauer Direktiven hatte
zur Folge, dass nationale Initiativen marginalisiert oder als „schädlich“ dis-
kreditiert wurden, was wiederum die Weiterentwicklung einer eigenstän-
digen ukrainischen Musiktradition erheblich hemmte. APMU warf allen
ihren Gegnern aus anderen Formationen „westlich-dekadente“ Tendenzen
vor. Damit entfaltete sich in der ukrainischen Musikkultur eine regelrech-
te Offensive der RAPM-Anhänger gegen Andersdenkende.
Ab 1930 begann die allmähliche Einschränkung der „Ukrainisierung“
(Verringerung der Zahl ukrainischer Schulen und Zeitschriften, Schlie-
ßung ukrainischer Theater, Einführung des obligatorischen Russischun-
terrichts in allen Schulen) und konsequente physische Vernichtung ukrai-
nischer Künstler, die später als „Erschossene Renaissance“ bekannt wurde.
Im Jahr 1933 sind die Repressionen gegen die ukrainische Bildungselite mit
nie gekanntem Ausmaß ausgebrochen.
Es folgte eine groß angelegte, vom aus Moskau Anfang 1933 in die
Ukraine entsandten Pavel Postyschew geleitete „Säuberung“ unter der
ukrainischen Elite, der bisher umfangreichste Schlag gegen eine nich-
trussische Elite der Sowjetunion überhaupt. Ukrainische Kader in Lan-
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