Page 85 - Weiss, Jernej, ur./ed. 2026 Skladateljska društva nekoč in danes.../Composers’ Societies Past and Present...
P. 85
Aktivitäten der Lviver Abteilung des Komponistenverbandes der Ukrainischen SSR …
um die Möglichkeit, irgendwo zu wohnen und zu arbeiten, auch wenn die-
se Mitglieder als „Nationalisten“, „Spionen der feindlichen Staaten“ oder
„Verteidiger der verrotteten westlichen Werte“ von den kommunistischen
Behörden beschuldigt wurden.
Natürlich änderten die Künstlerverbände im Laufe der Jahrzehnte ih-
res Bestehens in der UdSSR die Art ihrer Aktivitäten, wie es in einem popu-
lären Witz hieß, „schwankten sie mit der Parteilinie“. So lassen sich in der
Geschichte des Lviver Komponistenverbandes vier Perioden unterscheiden.
Die erste ist die kürzeste, von der Gründung 1939/40 bis zum Juni 1941,
in der die Komponisten offensichtlich versuchten, sich irgendwie an die
neue Regierung anzupassen, bestimmte Schritte unternahmen, um sich
mit ihr zu verständigen, was ihnen anfangs auch zu gelingen schien. Der
erste Vorsitzende in diesen Jahren war Wasyl Barwinskyj. Es liegt auf der
Hand, dass Barwinskyj als von der Sowjetunion ernannter Leiter des Kon-
servatoriums und des Komponistenverbands eine Verständigung mit den
Behörden zum Wohle der Künstler, Professoren und Studenten anstrebte,
für die er sich verantwortlich fühlte. Außerdem hatte er in dieser Hinsicht
bereits viel Erfahrung: Von 1915, als er das Mykola-Lysenko-Musikhoch-
schulinstitut leitete, bis 1939 wechselte die Regierung in der Stadt viermal.
Deshalb ging er Kompromisse ein und schrieb unter anderem zwei Chöre
mit ideologisch korrekten Texten „Porträt Lenins“ und „Lied über das Va-
terland“. Was seine öffentlichen Auftritte betrifft, so wurde er nicht einmal
wirklich gefragt. Sein Schwager, Hans Puluj, erinnerte sich später:
Bei meiner… Reise nach Lviv besuchte ich ihn und er erzählte mir, dass
die sowjetischen Funktionäre, als sie 1939 nach Lviv kamen, bald in se-
inem Haus erschienen und ihm sagten, er solle einen Mantel anziehen,
weil Stalin ihm befohlen habe, nach Moskau zu fahren. Dort musste er
Stalin seine Aufwartung machen, sich mit ihm fotografieren lassen und
bekam den Auftrag, einen Entwurf für eine politische Rede zu schrei-
ben. Dann las er diese Rede im Radio vor, die nur seine ersten drei Wor-
te enthielt. 4
4 Олександер Ганс Пулюй [Aleksander Hans Puluj], „Осінь 1939. З листів польової
пошти. Вісті Комбатанта“ [Herbst 1939. Aus Briefen der Feldpost. Nachrichten ei-
nes Kombattanten], zitiert nach Kateryna Zagnitko, „Як фабрикувалася «Справа
В. Барвінського» (на матеріалах кримінальної справи з архіву СБУ)“ [Wie der
„Straffall W. Barwinskyj“ konstruiert wurde (auf Grundlage von Materialien aus
dem Straffall aus dem Archiv des Sicherheitsdienstes der Ukraine)], Ukrainische
Musik, Quartalszeitschrift der Lviver Nationalen Musikakademie „Mykola Lyssenko“
30, Nr. 4 (2018): 180.
85

