Page 90 - Weiss, Jernej, ur./ed. 2026 Skladateljska društva nekoč in danes.../Composers’ Societies Past and Present...
P. 90

Skladateljska društva nekoč in danes | Composers’ Societies Past and Present
            übernahm die Leitung kurz vor Stalins Tod und bald danach, mit Beginn
            der Tauwetterperiode, begann eine dritte Periode der Tätigkeit des Kompo-
            nistenverbandes, die – trotz manchen Vergünstigungen – auch als mehr-
            deutig bewertet werden könnte. Die Jahre von 1956 bis Anfang der 1970er
            sind allgemein als „die Chruschtschow-Tauwetterperiode“ bekannt, die in
            der gesamten UdSSR das so genannte „Phänomen der sechziger Jahre“ her-
            vorrief. Besonders ausdrucksvoll erschien das Phänomen „der Generation
            der 60er“ in der Ukraine. Auch die Aktivitäten des Lviver Komponisten-
            verbands nahmen eine neue Richtung an. Diese Zeit war mit bedeutenden
            Leistungen verbunden.
                 Kos-Anatolskyj initiierte eine Kampagne für die Freilassung und spä-
            tere Rehabilitierung von V. Barwinskyj. Gleich nach dem XX. Parteikon-
            gress 1956 und der Enthüllung des „Kultus von Stalin“ schickten Mitglie-
            der des Lviver Komponistenverbands ein offizielles Schreiben an das Lviver
            Regionalkomitee der Kommunistischen Partei der Ukraine: Das Schrei-
            ben wurde vom Vorsitzenden des Verbands, A. Kos-Anatolskyj, und den
            Vorstandsmitgliedern S. Ludkevytsch, M. Kolessa, J. Kozak und anderen
            unterzeichnet.
                 Wir hoffen, dass das Lviver Regionalkomitee der Kommunistischen
                 Partei der Ukraine beim Präsidium des Oberstrats eine Petition einre-
                 ichen wird, um Barwinskyj Amnestie zu gewähren und ihm zu erlau-
                 ben, nach Lviv zurückzukehren und seine Arbeit für die Entwicklung
                 der ukrainischen Sowjetmusik fortzusetzen.  11
                 Auf der Sitzung der Mitglieder des Lviver Verbandes (Juni 1958) wur-
            de auf Initiative von A. Kos-Anatolskyj einstimmig beschlossen, Vasyl Bar-
            winskyj wieder in den Verband aufzunehmen. Es ist bemerkenswert, mit
            welchen Worten der Vorsitzende die Rechtfertigung seines Kollegen beklei-
            det: ein echtes Meisterstück der Rechtsanwaltskunst, aber dabei mit dem
            verhüllenden Sarkasmus.

                 Als Vorsitzender des Lviver Komponistenverbandes bringe ich meine
                 große Genugtuung darüber zum Ausdruck, dass unser Kollektiv mit
                 einem der prominentesten und ältesten ehemaligen Mitglieder, einer
                 der bedeutendsten Persönlichkeiten der Musikkultur in der Westukra-
                 ine, einem hochrangigen Fachmann, unserem nie zu vergessenden Le-
                 hrer V. Barwinskyj, wieder aufgefüllt wird. In Kenntnis des talentvollen

            11   Ludomyr Filonenko, „Сторінками «особової справи» Василя Барвінського [Seiten
                 aus der „Personalakte“ von Vasyl Barwinskyj]“, Ukrainische Musik, Quartalszeitschrift
                 von der Lviver Nationalen Musikakademie „Mykola Lyssenko“ 30, No. 4 (2018): 79.


            90
   85   86   87   88   89   90   91   92   93   94   95