Page 102 - Weiss, Jernej, ur./ed. 2025. Glasbena interpretacija: med umetniškim in znanstvenim┊Music Interpretation: Between the Artistic and the Scientific. Koper/Ljubljana: Založba Univerze na Primorskem in Festival Ljubljana. Studia musicologica Labacensia, 8
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                 Laut Odarka Bandrivska, der Nichte und Schülerin der Sängerin,
            spielte dieses Suchen nach maximalen künstlerischen Resultaten und ihre
            Absicht, die bestmögliche Gesangsausbildung zu erhalten, dabei häusliche
            Schwierigkeiten zu überwinden, eine entscheidende Rolle für ihre glänzen-
            de Karriere:

                 Sie studierte die italienische Gesangsart. Sie sagte, dass diese Schule am
                 besten für die Entwicklung ihrer Stimme geeignet war und sie ihr er-
                 möglichte, alle technischen Schwierigkeiten zu überwinden alles, was
                 ihre künstlerische Seele ausdrücken wollte, mit überzeugender Kraft
                 vorzutragen. Wie ist es bekannt, gab Solomia Kruschelnytska ihr De-
                 büt in Lemberg in der Rolle für Mezzosopran in der Donizettis Oper
                 La favorita. Ihre Stimme zeichnete sich schon damals durch ein großes
                 Volumen und einen großen Tonumfang von fast drei Oktaven aus. Als
                 sie zu weiteren Studien nach Italien ging, entwickelte sie ihre Stimme
                 zu einem lyrisch-dramatischen Sopran, der von den tiefsten bis zu den
                 höchsten Tönen ausgeglichen war. 7

                 Doch selbst ein eingehendes Studium bei einer der besten italienischen
            Lehrerin Fausta Crespi reichte der jungen Künstlerin nicht aus – ihr Stre-
            ben nach höchsten Ergebnissen auf der Bühne überwand alle Hindernisse,
            und sie kannte keine Ruhe und Selbstzufriedenheit. Als Solomia Kruschel-
            nytska bereits beste Ergebnisse erzielte und sich als erstklassige Sopranis-
            tin mit italienischem Repertoire etabliert hatte, genügte ihr das noch nicht,
            und sie studierte im Jahr 1895 drei Monate lang bei Professor Josef Gänsba-
            cher in Wien, um die speziellen Prinzipien der Gesangs- und Schauspiel-
            kunst der Darstellung von Wagners Rollen zu beherrschen. Sie sagte dazu:

                 Kritik der Wagnerschen Musik ist ganz rational, wenn jemand ohne
                 entsprechende Vorbereitung und Stimme Wagners Oper singt, könnte
                 sehr schnell ein Kreuzchen auf weiteren Weg stellen, weil länger als zwei
                 Jahre nicht singen würde. 8
                 Nicht zufällig wurde sie zu einer der wenigen Opernsängerinnen jener
            Zeit, die sowohl den italienischen als auch den deutschen Gesangsstil glei-
            chermaßen beherrschten.
            7    Odarka Bandriwska, „Слухаючи її концерти [Ihre Konzerte zuhören],“ in Berühm-
                 te Sängerin. Erinnerungen und Artikel an Solomia Kruschelnytska, Hrsg. Ivan Der-
                 katsch (Lviv: Buch-Zeitschrift-Verlag, 1956), 73.
            8    Kruschelnytska,  Спогади.  Матеріали.  Листування  [Erinnerungen.  Materialien.
                 Briefwechsel], Teil 2, 208.


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