Page 246 - Weiss, Jernej, ur./ed. 2025. Glasbena interpretacija: med umetniškim in znanstvenim┊Music Interpretation: Between the Artistic and the Scientific. Koper/Ljubljana: Založba Univerze na Primorskem in Festival Ljubljana. Studia musicologica Labacensia, 8
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Notenbeispiel 3: Prélude in Fis-Dur, op. 28 Nr. 13, T. 1f.
Als Nächstes werden Synkopen und Überbindungen thematisiert, die
verwandte Erscheinungen sind und gemeinsam haben, dass auf einem (re-
lativ) starken Schlag in der betroffenen Stimme kein neuer Ton erklingt,
sondern ein früher angeschlagener Ton weiterklingt, wodurch die metri-
sche Betonung in dieser Stimme vorverlegt wird. Eine klare Unterschei-
dung zwischen diesen beiden häufig verwendeten Begriffen ist nicht mög-
lich, denn eine Synkope kann mit einer Überbindung oder durch das
Summieren der Notenwerte notiert werden. Anhand der Verschiebung der
metrischen Betonung, aber auch dadurch, dass es sich meistens um ver-
gleichsweise längere Töne handelt, ist es naheliegend, von einem Nach-
druck bei Synkopen bei der Interpretation auszugehen. Dieser wird bereits
bei Türk verlangt, was Hudson und Ratner in ihren Schriften aufgreifen:
Während Hudson die Synkopen als Anlass für das „ältere“ rubato deutet,
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schreibt Ratner von einem dynamischen Nachdruck. Selbstverständlich
lässt sich dies durch weitere interpretatorische Mittel ergänzen, wie das
historisch „spätere“ rubato (also eine Verlangsamung in beiden Händen
gleichzeitig) oder durch einen negativen Akzent, um nur einige Möglich-
keiten zu nennen.
Neben der Betonung des synkopierten Tons selbst ist der Umgang mit
der gesamten Synkopenstelle für die Interpretation wesentlich. Dazu ge-
hört die Wahrung des Metrums, trotz seiner scheinbaren Verschiebung
durch zusätzliche Akzente. Stein schreibt hierzu, dass die Erhaltung und
das Empfinden des regulären Takt-Pulses eine Voraussetzung für die
Wahrnehmung der Synkope als solcher ist, denn ansonsten würde es sich
12 Der Begriff des älteren rubato („älter“ bedeutet hier den historischen Zeitpunkt der
Erscheinung) bezeichnet bei Hudson die Praxis, einen Ton in der Melodiestimme
früher oder später anzuspielen, während die Begleitung a tempo bleibt. Somit wer-
den die beiden Hände kurzfristig asynchron; Hudson, Stolen Time, 125.
13 Leonard G. Ratner, Classic music: Expression, form and style (New York, NY: Schir-
mer, 1980), 187.
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